Am 10. November 1483 wird Martin Luther in Eisleben geboren. Nach Kindheit und Schule beginnt er ein Jurastudium in Erfurt, das er 1505 abbricht nachdem er in ein schweres Gewitter gerät und gelobt in ein Kloster einzutreten, falls er überlebt. Sein Ordensgelübde legt er im Herbst 1506 ab und wird 1507 zum Prister geweiht. 1512 promoviert er zum Doktor der Theologie. Einen Tag vor Allerheiligen 1517, verfasst Luther am 31. Oktober einen Brief an den Erzbischof Albrecht von Mainz und legt seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel bei.

Das war der Beginn der Reformation

Luthers Eltern Hans und Margarethe

Dieser Brief hatte eine gerichtliche Untersuchung zur Folge. Diese beginnt im Frühjahr 1518 in Rom. Luther muss sich wegen des Verdachts der Verbreitung von Irrlehren und der Auflehnung gegen die kirchliche Obrigkeit verantworten.

Sein Landesherr, der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, stellt sich jedoch schützend vor ihn. Am 15. Juni 1520 ergeht gegen Luther die Bannandrohung, die der Reformator öffentlich ins Feuer wirft. Er wird zu einem Verhör auf den Reichstag in Worms geladen. Als er gefragt wird, ob er seine Schriften widerruft, antwortet er nach einer Bedenkzeit:

Luthers Geburtshaus

"Solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir, Amen." Zu seinem Schutz lässt ihn Friedrich der Weise anschließend auf die Wartburg entführen , wo er das Neue Testament übersetzt . Luther kehrt 1522 nach Wittenberg zurück, dort setzt er sich gegen radikale Gottesdienstreformen ein. Die Reformation breitet sich in den folgenden Jahren in den vielen deutschen Fürstentümern aus. 1525 heiratet Luther die ehemalige Nonne Katharina von Bora, mit der er sechs Kinder bekommt. Luther kritisiert nicht nur viele katholische Praktiken, sondern auch Strömungen innerhalb der protestantischen Bewegung. Mit Huldrych Zwingli setzt er sich beispielsweise über das Verständnis des Abendmahls auseinander. Landgraf Philipp von Hessen will zwischen Luther und Zwingli vermitteln und lädt 1529 die beiden Gegenspieler, aber auch andere Reformatoren zum Religionsgespräch nach Marburg ein. Sein Ziel ist es, ein Bündnis aller evangelischen Länder herzustellen. Bei der Abendmahls-Frage finden die Teilnehmer jedoch keine gemeinsame Position. Seine Glaubenslehre hält Luther in zahlreichen Schriften fest.

In der Nacht des 17./18. Februar 1546 stirbt Martin Luther in Eisleben.

Luthers Frau Katharina von Bora
In diesem Kloster war Luther Mönch
Im Obergeschoß dieses Hauses starb am 18. Februar 1546 der Reformator Dr. Martin Luther.
Martin Luther und die Reformation
Die Lutherrose

Martin Luther wollte durch seine Schriften auf die Missstände in der katholischen Kirche hinweisen, unter Anderem dass viele Bischöfe ihr Amt dazu benutzten um Reichtümer anzuhäufen. Er wollte dass sich Kirche und Christen wieder mehr an den Schriften der Bibel orientieren. Es gelang ihm und anderen Reformatoren wie Huldrych Zwinglie jedoch nicht eine Reformation der bestehenden Kirche, sonder es entwickelte sich aus der Reformationsbewegung eine eigene Konfession, ein protestantischer Glaube mit neuen Grundlagen:

Gottes Gnade

Einem Sünder der einen Ablassbrief kaufte versprach die katholische Kirche, dass er sich vor dem Fegefeuer rettet und eine gute Tat vollbringt. Martin Luther vertrat aber die Ansicht, dass Gott kein strafender Gott ist, sondern dem Menschen mit Liebe begegnet. Luther war der Überzeugung das der Mensch allein durch den Glauben die Gnade Gottes erfährt.

Taten aus Liebe

Gute Taten, so war im Mittelalter die Auffassung, trugen dazu bei, Gott gnädig zu stimmen. Protestanten gehen aber davon aus, dass Spenden für Wohltätige Zwecke oder nachbarliche Hilfe keine Garantie sind, das Wohlwollen Gottes zu erreichen. Es ist nach Luthers Auffassung selbstverständlich anderen zu helfen, da der Mensch die durch Gott erfahrene Liebe an andere weitergibt.

Bibel statt Papst

In der Zeit in der Luther lebte glaubten viele Christen, was ein Pastor oder ein Papst verkündete. Die Möglichkeit für das einfache Volk in der Bibel zu lesen war nicht gegeben, zum einem war die Bibel zu teuer zum Anderen war sie nur in Latein geschrieben und das konnte die einfache Bevölkerung nicht lesen. Die katholische Kirche konnte also die Heilige Schrift so auslegen, wie sie es für richtig hielt.

Als Martin Luther Mönch war hat er die Bibel sehr genau gelesen und stellte fest, dass nicht in der Bibel steht, dass ein Papst das Oberhaupt der Kirche ist. Da für Luther allein die Bibel und Christus zählten lehnte er die Autorität des Papstes, seine kirchlichen Anweisungen und seine Gesetzte ab.

Bibel und Verständnis

Der Heilige Geist ermöglicht jedem getauften Christen die Bibel zu verstehen, aus dieser Überzeugung übersetzte er das Alte und neue Testament ins Deutsche und forderte, das jeder lesen und schreiben lernt.

Sakramente

Taufe, Abendmahl, Beichte, Firmung, Eheschließung, Krankensalbung, Priesterweihe das sind die sieben Sakramente (Handlungen, die nur ein geweihter Priester durchführen darf) die in der katholischen Kirche bekannt sind. Auch an diesem Punkt orientierte sich Luther an der Bibel, in der nur die Taufe und das Abendmahl als „heilige Handlung“ erwähnt werden. Für die evangelische Kirche gibt es nur zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl.

Freiheit eines Christenmenschen

In einem kleinem Buch schrieb Luther über die Freiheit des Christenmenschen, das mit zwei widersprüchlichen Sätzen beginnt. „Ein Christ ist ein freier Mensch und niemandem untertan“, lautet der erste Satz, dann folgt: „Ein Christ ist ein Knecht und jedermann untertan“. In der Spannung dieser beiden Sätze entfaltet sich für Luther die persönliche Freiheit Er wollte damit die Menschen von selbst ernannten Vordenkern befreien und sie ermutigen, ihr Gewissen selbst anhand biblischer Texte zu schärfen. Es bedeutet aber auch, dass die eigene Freiheit stets auch die Freiheit anderer berührt und keinen Platz lässt für reinen Egoismus. So beendet Luther sein Buch mit dem Grundsatz: „Der Christ lebt nicht in sich selbst sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, in seinem Nächsten durch die Liebe.“

Ehe statt Zölibat

Durch den Gleichheits-Grundsatz des „Priestertums aller Gläubigen“ ist ein besonderer Lebenswandel für Geistliche nicht mehr notwendig: Pfarrer dürfen heiraten.

Deutschsprachiger Gottesdienst

Die Pfarrer, die sich zur evangelischen Lehre bekennen, halten die Gottesdienste nicht mehr auf Lateinischer, sondern in deutscher Sprache. Der Ablauf des Gottesdienstes ist unterschiedlich: Während Luther es weitgehend bei der alten Gottesdienstordnung belässt, fielen in Gebieten die Huldrych Zwingli reformierte, auch große Teile der Liturgie weg. Für Zwingli zählte ausschließlich, was in der Bibel steht. Viele liturgische Gesänge, aber auch christliche Bilder hielt er für unnötig.

Symbol oder Anwesenheit Christi?

Während des Abendmahls trinkt nicht mehr nur allein der Pfarrer aus dem Kelch, sondern jeder evangelische Christ. Nicht ganz einig sind sich die Protestanten allerdings, was Brot und Wein bedeuten. Für die Anhänger Luthers ist Christus durch die gesprochene Sakramentverheißung in Brot und Wein gegenwärtig. Die Anhänger Zwinglis sind dagegen der Auffassung, das Brot und Wein nur ein Symbol für den Leib und das Blut Christi sind.

Landgraf Philipp tendierte zu der Auffassung Zwinglis, eine Einigung in dieser Angelegenheit war ihm ein großes Anliegen, wie das Marburger Religionsgespräch zeigt.

 

Die Wartburg

Huldrych Zwingli Priester, Reformator
* 1. Januar 1484 bis
† 11. Oktober 1531

Die 95 Thesen Martin Luthers

  1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
  2. Dieses Wort kann nicht von der Buße als Sakrament - d.h. von der Beichte und Genugtuung -, die durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.
  3. Es bezieht sich nicht nur auf eine innere Buße, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.
  4. Daher bleibt die Strafe, solange der Haß gegen sich selbst - das ist die wahre Herzensbuße - bestehen bleibt, also bis zum Eingang ins Himmelreich.
  5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.
  6. Der Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, daß er sie als von Gott erlassen erklärt und bezeugt, natürlich kann er sie in den ihm vorbehaltenen Fällen erlassen; wollte man das geringachten, bliebe die Schuld ganz und gar bestehen.
  7. Gott erläßt überhaupt keinem die Schuld, ohne ihn zugleich demütig in allem dem Priester, seinem Stellvertreter, zu unterwerfen.
  8. Die kirchlichen Bestimmungen über die Buße sind nur für die Lebenden verbindlich, den Sterbenden darf demgemäß nichts auferlegt werden.
  9. Daher handelt der Heilige Geist, der durch den Papst wirkt, uns gegenüber gut, wenn er in seinen Erlassen immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt.
  10. Unwissend und schlecht handeln diejenigen Priester, die den Sterbenden kirchliche Bußen für das Fegefeuer aufsparen.
  11. Die Meinung, daß eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe schliefen.
  12. Früher wurden die kirchlichen Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam als Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Reue.
  13. Die Sterbenden werden durch den Tod von allem gelöst, und für die kirchlichen Satzungen sind sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.
  14. Ist die Haltung eines Sterbenden und die Liebe (Gott gegenüber) unvollkommen, so bringt ihm das notwendig große Furcht, und diese ist um so größer, je geringer jene ist.
  15. Diese Furcht und dieser Schrecken genügen für sich allein - um von anderem zu schweigen -, die Pein des Fegefeuers auszumachen; denn sie kommen dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe.
  16. Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und Sicherheit.
  17. Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens.
  18. Offenbar ist es auch weder durch Vernunft- noch Schriftgründe erwiesen, daß sie sich außerhalb des Zustandes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder in dem die Liebe zunehmen kann.
  19. Offenbar ist auch dieses nicht erwiesen, daß sie - wenigstens nicht alle - ihrer Seligkeit sicher und gewiß sind, wenngleich wir ihrer völlig sicher sind.
  20. Daher meint der Papst mit dem vollkommenen Erlaß aller Strafen nicht einfach den Erlaß sämtlicher Strafen, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat.
  21. Deshalb irren jene Ablaßprediger, die sagen, daß durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde.
  22. Vielmehr erläßt er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen Satzungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen.
  23. Wenn überhaupt irgendwem irgendein Erlaß aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiß allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.
  24. Deswegen wird zwangsläufig ein Großteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen und großsprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht.
  25. Die gleiche Macht, die der Papst bezüglich des Fegefeuers im allgemeinen hat, besitzt jeder Bischof und jeder Seelsorger in seinem Bistum bzw. seinem Pfarrbezirk im besonderen.
  26. Der Papst handelt sehr richtig, den Seelen (im Fegefeuer) die Vergebung nicht auf Grund seiner - ihm dafür nicht zur Verfügung stehenden - Schlüsselgewalt, sondern auf dem Wege der Fürbitte zuzuwenden.
  27. Menschenlehre verkündigen die, die sagen, daß die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald das Geld im Kasten klingt.
  28. Gewiß, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.
  29. Wer weiß denn, ob alle Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise beim heiligen Severin und Paschalis nicht der Fall gewesen sein soll.
  30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe) erlangt hat.
  31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß, nämlich außerordentlich selten.
  32. Wer glaubt, durch einen Ablaßbrief seines Heils gewiß sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.
  33. Nicht genug kann man sich vor denen hüten, die den Ablaß des Papstes jene unschätzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.
  34. Jene Ablaßgnaden beziehen sich nämlich nur auf die von Menschen festgesetzten Strafen der sakramentalen Genugtuung.
  35. Nicht christlich predigen die, die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.
  36. Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbrief.
  37. Jeder wahre Christ, sei er lebendig oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche, von Gott ihm auch ohne Ablaßbrief gegeben.
  38. Doch dürfen der Erlaß und der Anteil (an den genannten Gütern), die der Papst vermittelt, keineswegs geringgeachtet werden, weil sie - wie ich schon sagte - die Erklärung der göttlichen Vergebung darstellen.
  39. Auch den gelehrtesten Theologen dürfte es sehr schwerfallen, vor dem Volk zugleich die Fülle der Ablässe und die Aufrichtigkeit der Reue zu rühmen.
  40. Aufrichtige Reue begehrt und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig und lehrt sie hassen, wenigstens legt sie das nahe.
  41. Nur mit Vorsicht darf der apostolische Ablaß gepredigt werden, damit das Volk nicht fälschlicherweise meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen.
  42. Man soll die Christen lehren: Die Meinung des Papstes ist es nicht, daß der Erwerb von Ablaß in irgendeiner Weise mit Werken der Barmherzigkeit zu vergleichen sei.
  43. Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablaß zu kaufen.
  44. Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch Ablaß wird er nicht besser, sondern nur teilweise von der Strafe befreit.
  45. Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und statt dessen für den Ablaß gibt, kauft nicht den Ablaß des Papstes, sondern handelt sich den Zorn Gottes ein.
  46. Man soll die Christen lehren: Die, die nicht im Überfluß leben, sollen das Lebensnotwendige für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablaß verschwenden.
  47. Man soll die Christen lehren: Der Kauf von Ablaß ist eine freiwillige Angelegenheit, nicht geboten.
  48. Man soll die Christen lehren: Der Papst hat bei der Erteilung von Ablaß ein für ihn dargebrachtes Gebet nötiger und wünscht es deshalb auch mehr als zur Verfügung gestelltes Geld.
  49. Man soll die Christen lehren: Der Ablaß des Papstes ist nützlich, wenn man nicht sein Vertrauen darauf setzt, aber sehr schädlich, falls man darüber die Furcht Gottes fahrenläßt.
  50. Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablaßprediger wüßte, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als daß sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.
  51. Man soll die Christen lehren: Der Papst wäre, wie es seine Pflicht ist, bereit - wenn nötig -, die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen Teil jener zu geben, denen gewisse Ablaßprediger das Geld aus der Tasche holen.
  52. Auf Grund eines Ablaßbriefes das Heil zu erwarten ist eitel, auch wenn der (Ablaß-)Kommissar, ja der Papst selbst ihre Seelen dafür verpfändeten.
  53. Die anordnen, daß um der Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in den umliegenden Kirchen völlig zum Schweigen komme, sind Feinde Christi und des Papstes.
  54. Dem Wort Gottes geschieht Unrecht, wenn in ein und derselben Predigt auf den Ablaß die gleiche oder längere Zeit verwendet wird als für jenes.
  55. Die Meinung des Papstes ist unbedingt die: Wenn der Ablaß - als das Geringste - mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert wird, sollte das Evangelium - als das Höchste - mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Gottesdiensten gepredigt werden.
  56. Der Schatz der Kirche, aus dem der Papst den Ablaß austeilt, ist bei dem Volke Christi weder genügend genannt noch bekannt.
  57. Offenbar besteht er nicht in zeitlichen Gütern, denn die würden viele von den Predigern nicht so leicht mit vollen Händen austeilen, sondern bloß sammeln.
  58. Er besteht aber auch nicht aus den Verdiensten Christi und der Heiligen, weil diese dauernd ohne den Papst Gnade für den inwendigen Menschen sowie Kreuz, Tod und Hölle für den äußeren bewirken.
  59. Der heilige Laurentius hat gesagt, daß der Schatz der Kirche ihre Armen seien, aber die Verwendung dieses Begriffes entsprach der Auffassung seiner Zeit.
  60. Wohlbegründet sagen wird, daß die Schlüssel der Kirche - die ihr durch das Verdienst Christi geschenkt sind - jenen Schatz darstellen.
  61. Selbstverständlich genügt die Gewalt des Papstes allein zum Erlaß von Strafen und zur Vergebung in besondern, ihm vorbehaltenen Fällen.
  62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
  63. Dieser ist zu Recht allgemein verhaßt, weil er aus Ersten Letzte macht.
  64. Der Schatz des Ablasses jedoch ist zu Recht außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht.
  65. Also ist der Schatz des Evangeliums das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing.
  66. Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt.
  67. Der Ablaß, den die Ablaßprediger lautstark als außerordentliche Gnaden anpreisen, kann tatsächlich dafür gelten, was das gute Geschäft anbelangt.
  68. Doch sind sie, verglichen mit der Gnade Gottes und der Verehrung des Kreuzes, in der Tat ganz geringfügig.
  69. Die Bischöfe und Pfarrer sind gehalten, die Kommissare des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.
  70. Aber noch mehr sind sie gehalten, Augen und Ohren anzustrengen, daß jene nicht anstelle des päpstlichen Auftrags ihre eigenen Phantastereien predigen.
  71. Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht.
  72. Aber wer gegen die Zügellosigkeit und Frechheit der Worte der Ablaßprediger auftritt, der sei gesegnet.
  73. Wie der Papst zu Recht seinen Bannstrahl gegen diejenigen schleudert, die hinsichtlich des Ablaßgeschäftes auf mannigfache Weise Betrug ersinnen,
  74. So will er viel mehr den Bannstrahl gegen diejenigen schleudern, die unter dem Vorwand des Ablasses auf Betrug hinsichtlich der heiligen Liebe und Wahrheit sinnen.
  75. Es ist irrsinnig zu meinen, daß der päpstliche Ablaß mächtig genug sei, einen Menschen loszusprechen, auch wenn er - was ja unmöglich ist - der Gottesgebärerin Gewalt angetan hätte.
  76. Wir behaupten dagegen, daß der päpstliche Ablaß auch nicht die geringste läßliche Sünde wegnehmen kann, was deren Schuld betrifft.
  77. Wenn es heißt, auch der heilige Petrus könnte, wenn er jetzt Papst wäre, keine größeren Gnaden austeilen, so ist das eine Lästerung des heiligen Petrus und des Papstes.
  78. Wir behaupten dagegen, daß dieser wie jeder beliebige Papst größere hat, nämlich das Evangelium, "Geisteskräfte und Gaben, gesund zu machen" usw., wie es 1. Kor. 12 heißt.
  79. Es ist Gotteslästerung zu sagen, daß das (in den Kirchen) an hervorragender Stelle errichtete (Ablaß-) Kreuz, das mit dem päpstlichen Wappen versehen ist, dem Kreuz Christi gleichkäme.
  80. Bischöfe, Pfarrer und Theologen, die dulden, daß man dem Volk solche Predigt bietet, werden dafür Rechenschaft ablegen müssen.
  81. Diese freche Ablaßpredigt macht es auch gelehrten Männern nicht leicht, das Ansehen des Papstes vor böswilliger Kritik oder sogar vor spitzfindigen Fragen der Laien zu schützen.
  82. Zum Beispiel: Warum räumt der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten Not der Seelen willen - als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er doch unzählige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau einer Kirche willen - als aus einem sehr fadenscheinigen Grund -?
  83. Oder: Warum bleiben die Totenmessen sowie Jahrfeiern für die Verstorbenen bestehen, und warum gibt er (der Papst) nicht die Stiftungen, die dafür gemacht worden sind, zurück oder gestattet ihre Rückgabe,wenn es schon ein Unrecht ist, für die Losgekauften zu beten?
  84. Oder: Was ist das für eine neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, daß sie einem Gottlosen und Feinde erlauben, für sein Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser frommen und geliebten Seele willen erlösen sie diese nicht aus freigeschenkter Liebe?
  85. Oder: Warum werden die kirchlichen Bußsatzungen, die "tatsächlich und durch Nichtgebrauch" an sich längst abgeschafft und tot sind, doch noch immer durch die Gewährung von Ablaß mit Geld abgelöst, als wären sie höchst lebendig?
  86. Oder: Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?
  87. Oder: Was erläßt der Papst oder woran gibt er denen Anteil, die durch vollkommene Reue ein Anrecht haben auf völligen Erlaß und völlige Teilhabe?
  88. Oder: Was könnte der Kirche Besseres geschehen, als wenn der Papst, wie er es (jetzt) einmal tut, hundertmal am Tage jedem Gläubigen diesen Erlaß und diese Teilhabe zukommen ließe?
  89. Wieso sucht der Papst durch den Ablaß das Heil der Seelen mehr als das Geld; warum hebt er früher gewährte Briefe und Ablässe jetzt auf, die doch ebenso wirksam sind?
  90. Diese äußerst peinlichen Einwände der Laien nur mit Gewalt zu unterdrücken und nicht durch vernünftige Gegenargumente zu beseitigen heißt, die Kirche und den Papst dem Gelächter der Feinde auszusetzen und die Christenheit unglücklich zu machen.
  91. Wenn daher der Ablaß dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäß gepredigt würde, lösten sich diese (Einwände) alle ohne weiteres auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht.
  92. Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: "Friede, Friede", und ist doch kein Friede.
  93. Wohl möge es gehen allen den Propheten, die den Christen predigen: "Kreuz, Kreuz", und ist doch kein Kreuz.
  94. Man soll die Christen ermutigen, daß sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten
  95. und daß die lieber darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.
Das Luthertor der Schlosskirche in Wittenberg.
Schlosskirche in Wittenberg
Grabstätte von Martin Luther
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